Der Fall der Fuji X10 – oder von der Leica CL zur Fuji X10

Foto: Michael Mahlke

Die Leica CL war meine Lieblingskamera von Leica. Sie hatte für mich die richtige Größe und Griffigkeit und ich habe viele Jahre gehofft, dass es einen digitalen Nachfolger gibt. Mir gefällt die Leica CL immer noch. Aber Leben heisst nun mal Veränderung. Mittlerweile habe ich meine Leica CL in die guten Hände eines Analogfotografen abgegeben und hoffe, dass er ebenso viel Freude damit hat wie ich sie hatte.

Ich habe mit der Fuji X10 nun meinen persönlichen Nachfolger für die Leica CL gefunden nachdem die Probleme am Sensor (WDS) in den neu produzierten Kameras behoben worden sind. Da ich der Fuji X10 zunächst eher kritisch gegenüberstand, habe ich sie aus meiner Sicht auf Herz und Nieren in der Praxis geprüft und möchte nun meine praktischen Erfahrungen hier niederschreiben.

Bildqualität – Kleinbild gegen 2/3 Sensor der Fuji X10

Die Leica CL war eine Kleinbildkamera, so wie alle Filmkameras Kleinbildkameras (= Vollformat digital) waren. Und sie war robust und hatte einen optischen Sucher.  Die Fuji X10 hat einen 2/3 Sensor.

Aber ehrlich gesagt entspricht für mich die digitale Bildqualität  der Qualität der früheren Kleinbildfilme. Und durch die Möglichkeit der digitalen Nachbearbeitung sind für mich mit dieser Kamera problemlos Ausdrucke bis A4 oder A3 möglich. Abgesehen davon bin ich persönlich nicht mehr ein bedingungsloser Verfechter des Vollformates/Kleinbildformat. Mir gefallen Fotos mit APS-C Größe oder MFT ebenso gut und nun ist der 2/3 Sensor gut genug, um das zu leisten, was er soll: beherrschbar gute Fotos zu machen auch bei schlechterem Licht.

Und bei einer kompakteren Kamera ist der 2/3 Sensor eigentlich die Antwort auf die meisten Probleme der 1/2,3 Sensoren. Was die 1/1,7 Sensoren nur teilweise lösten (wie z.B. Probleme der Detailtreue bei höheren ISO), hat zumindest Fuji mit dem EXR-Sensor in meinen Augen gut gelöst, nachdem das Problem der weissen Scheiben durch neue Sensoren gelöst worden ist. Ich erinnere in diesem Zusammenhang noch einmal an den Artikel „Wieviel Pixel braucht der Mensch?“.

Davon abgesehen stört mich persönlich etwas Rauschen nicht. Mich stört viel mehr der Verlust von Details in eher konstrastarmen Bereichen oder Unschärfe in scharf fokussierten Bereichen.

Messsucher gegen optischen Sucher

Der Messsucher der Leica CL  ermöglicht das Scharfstellen innerhalb des Suchers. Das ging mehr oder weniger genau aber es ging meistens ganz gut. Bei der Fuji X10 war ich skeptisch, weil in dem Sucher keine Anzeige ist und die Scharfstellung durch eine kleine LED rechts daneben erfolgt. Ich fokussiere einfach mittig und muss sagen, wenn die kleine LED grün wird, dann werden die Fotos auch scharf. (Aber: die Fuji X10 ist keine X100 mit dem großartigen Sucher. Nur ist die X100 einfach wesentlich größer und nicht so flexibel wie die X10.)

Geschwindigkeit

Mit der Leica CL war Fotografieren so wie man es analog kennt. Am Objektiv vorne fokussieren bis es im Messucher scharf ist (mit dem Schnittbildentferungsmesser), dann fotografieren und danach den Film weiterziehen. Bei der Fuji X10 ist es anders. Ich habe das Gefühl einen enorm schnellen und treffsicheren Autofokus zu haben, also einfach gucken, drücken und schon wieder gucken und drücken. Das Speichern in RAW und JPG geht sehr schnell und im Serienbildmodus natürlich noch schneller.

Foto: Michael Mahlke

 

Handling und Griffigkeit

Wie bei der Leica CL kann man auch bei der Fuji X10 so ziemlich alles von Hand einstellen an den aussen sichtbaren Rädchen. Das geschieht sehr schnell. Bei der Fuji X10 führt das Drehen des Objektives dazu, dass die Kamera eingeschaltet wird und die Kamera bereit ist. Die Fuji X10 ist etwas kleiner als die Leica CL.

Sie liegt gut in meinen Händen. Zudem kann man sie mit beiden Händen auch anfassen – so fotografiere ich am liebsten – und das Gehäuse ist nicht so dick. Bei so gut wie allen anderen digitalen Kameras in dieser Größe war es immer so, dass das Objektiv so weit auf der linken Seite war, dass meine linke Hand als zweite Hand nicht richtig zupacken konnte. Das hat Fuji geändert, so dass auch hier dasselbe Handling möglich ist wie bei meiner Leica CL.

Foto: Michael Mahlke

 

Weitere Vorteile der Fuji

Die Fuji X10 löst bei mir nicht nur die Leica CL aus den bisher genannten Gründen ab sondern hat darüber hinaus noch viele andere Vorteile. Und das hängt einfach mit der digitalen Welt zusammen. Die Fuji X10 hat den Monitor und man kann entweder den Monitor zum Fotografieren nutzen oder man kann direkt nach dem Fotografieren die Bilder anschauen.

Sie hat die eingebauten Filmsimulationen und sie hat den EXR-Sensor. Da reichen dann auch 5 bis 6 Megapixel im EXR-Modus, um in speziellen schlechten Lichtsituationen noch Bilder zu machen, die so mit einem analogen Film kaum möglich gewesen wären.

Darüber hinaus gibt es für mich persönlich noch andere Gründe, um die Fuji X10 als vollwertigen Ersatz für die Leica CL zu sehen.

Der wichtigste Grund ist: es macht mir endlich wieder so viel Spaß zu fotografieren wie ich mit der Leica CL hatte.

Für mich hat das Fotografieren auch viel mit dem Gefühl der Richtungsgebung zu tun, welches ich durch das doppelseitige Anpacken und den Sucher habe. Hinzu kommt, dass ich als Brillenträger mich bisher bei digitalen Kameras ausser bei DSLRs weitgehend vernachlässigt fühlte, weil der Monitor mir bei kritischen Situationen nie das Gefühl gab, sicher zielen und treffen zu können.

Und es hat etwas mit dem – aus meiner Sicht – sehr treffsicheren Autofokus zu tun. Ich habe bisher kaum unscharfe oder falsch fokussierte Fotos mit der Fuji X10 gehabt.

Ich glaube, dass die Fuji X10 eine gute Antwort auf die Anforderungen der klassischen Strassenfotografie des 21. Jahrhunderts ist. Sie ist darüber hinaus auch eine Antwort auf die Frage nach einer kleinen und guten Reportagekamera. Als Familienkamera würde ich sie nicht unbedingt nutzen.

Und sie vermittelt in einer aus den Fugen geratenen Welt den Eindruck, dass nicht alles, was früher gut war, heute automatisch schlecht ist, sondern dass das wirklich Gute eben nicht nur neu sondern auch gut ist und dabei das Bewährte sinnvoll um das Neue erweitert wird.

Konrad Lorenz schildert – wenn ich mich richtig erinnere –  in seinem Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ wie schwer es ihm fiel, etwas Altes abzugeben, weil es ein Stück von ihm selbst wurde und wie lange es gedauert hat, bis etwas Neues den Platz einnehmen konnte.

So war auch bei mir die Suche nach einer neuen Kamera lange Zeit nicht zufriedenstellend. Abgesehen davon spielt – zumindest bei mir – auch Geld eine Rolle, denn eine teure Kamera, die so teuer  und evtl. persönlich wertvoll ist, dass sie gehütet wird wie ein Schatz, wäre für mich emotional und finanziell inakzeptabel.

Eine Kamera ist ja kein Liebesersatz sondern ein fotografisches Instrument. Und auch da zeigt Fuji mit der X10, dass eine gute Kamera für den fotografischen Alltag (wie ich ihn verstehe) zu einem akzeptablen Preis auf den Markt kommen kann.

In diesem Sinne „Tschüss Leica“ und „Hallo Fuji“!

Nachtrag am 22.07.2012:

Ich habe die erste Kamera, die auf den Fotos zu sehen ist, zurückgegeben und mir einige Monate später eine neue Fuji X10 mit einem fehlerbereinigten Sensor gekauft. Das Ergebnis ist nun überzeugend für mich. Sie finden es hier. Aber die Kommunikation der Firma Fuji mit ihren Kunden beim Problem der WDS, die ich erlebt habe, hat mich sehr enttäuscht.

Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass es nur der weltweiten Nutzung von Social Media über Monate zu verdanken ist, dass dieses Problem überhaupt gelöst wurde.

Ich traue jetzt der Kamera, weil sie einigermassen ausgereift erscheint. Aber insgesamt bin ich nach den Erfahrungen mit Fuji sehr zurückhaltend geworden und werde mir zukünftig erst Kameras kaufen, wenn sie mindestens ein Jahr auf dem Markt sind.

Text Version 1.4

  19 comments for “Der Fall der Fuji X10 – oder von der Leica CL zur Fuji X10

  1. 21/11/2011 at 1:29 pm

    Mir gefällt sie auch gut, jedoch der Sucher ist meiner Meinung ohne Rahmeneinblendung unbrauchbar. Mit 85% Abdeckung und Parallaxenfehler wird ein bewusst gesetzte Bildinhalt zum Ratespiel. Bei einem Nahportrait muss ich im Sucher ca. 40% des Gesichtes abschneiden, um es mittig ins Bild zu setzen.
    Habe mir stattdessen die Nikon V1 besorgt und bin damit sehr zufrieden.

  2. admin
    21/11/2011 at 3:52 pm

    Die Nikon ist auch eine andere Art von Kamera, die sehr unterschiedliche Meinungen hervorruft, z.B. hier http://futurezone.at/produkte/5841-nikon-1-v1-im-test-missgluecktes-erstlingswerk.php

  3. Gert Vogt
    21/11/2011 at 9:41 pm

    Hallo und guten Abend Herr Mahlke,

    gerade haben wir Ihre interessanten sehr persönlichen Einschätzungen zur X10 gelesen. Es ist so wie Sie sagen, wie vieles, das Sie sagen. Wir haben uns im http://www.Fuji-X-Forum.de ein wenig engagiert und dort vor kurzem auf Wunsch von Forumsmitgliedern unsere ersten Erkenntnisse eingestellt unter „X10 Kamera & Technik“ mit dem Titel „X10 – Erste Erkenntnisse“ mit Vergleichsfotos zur X100 – http://www.fuji-x100-forum.de/fuji-x10-kamera-technik/2118-x10-erste-erkenntnisse.html. Ja, die X10 ist keine X100, aber eine gute Ergänzung zu ihrer großen Schwester für diejenigen, die zu Zweit mit der griffbereiten Kamera durchs Land streifen.

    Der Supermakro der X10 ist wirklich super und liefert Super-Ergebnisse! Wem bei Blende 2 der scharf erfasste Bereich zu klein ist, der kann getrost mit Blende 4 wunderbare Makros erzielen.

    Den Sucher wahlweise mit dem Display einzusetzen, fördert die Lust am Fotografieren. Wir haben den Ton ausgestellt und sehen das grüne Licht rechts vom Auge leuchten – und alles ist scharf, bzw. bei Blende 2 ist das scharf, was eben scharf sein soll. Brillenträger haben in diesem Fall den Vorteil, daß sie etwas weiter vom „grünen Punkt“ entfernt sind mit dem Auge und ihn so besser wahrnehmen können.

    Genug geschwärmt – mit vielen Grüßen aus dem Weserbergland
    Gert Vogt

    P.S. In „A propos de Paris“ haben wir uns auf Seite 13 wiedergefunden – wir waren allerdings mehr als 10 Jahre später dort… Und noch was – die „Meisterschule der digitalen Fotografie“ ist sehr informativ und mit Genuß zu lesen.

    • admin
      22/11/2011 at 6:52 pm

      Ich freue mich über ihre den Artikel bereichernden Kommentare sehr. Ich muss sagen, ich habe mit der Fuji X10 viel Freude. Ich würde sie aber nicht gegen eine X100 tauschen, weil beide Kameras für mich unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

  4. Salander
    22/11/2011 at 1:05 pm

    Hallo,

    das sind schön geschriebene Impressionen der Kamera…

    Eine Frage, warum würden Sie sie nicht als Familienkamera einsetzen?

  5. Ralph Madach
    22/11/2011 at 3:34 pm

    Für mich ist nach meiner Leica CL die Leica D-Lux 5 die richtige Alternative.
    1. Das extrem gute Leica Objektiv ist mit keinen anderen Fabrikaten zu vergleichen.
    2. Ich kann mit dieser Kamera auch sehr große Poster von meinen Fotos machen lassen.
    3. Der Zoom von 24mm bis 120mm ist mehr als großartig.
    4. Mit dem Sucheraufsatz, auch für Brillenträger gut geeignet, bringt man das Bild scharf auf die Flashcard.
    6. Die Objektivgröße lässt sich stufenweise: 24mm, 28mm, 35mm, 50mm, 70mm, 90mm und 120mm einstellen, so kann ich immer die Objektivgröße bei meinen Fotos angeben, auch hat sie manuelle Einstellmöglichkeiten und Adobe Lightroom 3.1 ist auch noch dabei!

    • charlyR
      26/11/2011 at 7:23 pm

      Ja, die D-Lux5 ist eine schöne und gute Panasonic-Kamera – allerdings ist schon bei 90mm Schluss 🙁
      Und sie hat leider keinen Sucher (von der unpraktischen Aufstecklösung abgesehen) und einen deutlich kleineren Sensor.

      Fuji baut übrigens hervorragende Objektive u.a. für Hasselblad und steht dabei Leica kaum nach.

  6. 22/11/2011 at 7:25 pm

    Interessanter Bericht, der mich an eine ähnliche Geschichte erinnert. E war nicht die schöne CL, sondern eine Rollei 35T . Nach jahrelanger Suche im digitalen Fotozeitalter bin ich bei einer Sigma DP2 gelandet. Irgendwie seelenverwandt und mit der magischen Brennweite von ca. 40mm.

    Schönen Gruß und weiterhin viel Glück und Freude.

  7. Gert Vogt
    23/11/2011 at 12:09 pm

    @admin
    Ja, so ist es! Auch ich werde meine X100 nicht wieder hergeben!
    Umso mehr sind meine Frau und ich hocherfreut, daß unser Wunsch nach einer hochwertigen Ergänzung in punkto Kompatibilität der Bildergebnisse durch die X10 nun mehr als erfüllt wurde. Und das auch noch so zeitnah – innerhalb eines halben Jahres nach dem Kauf der X100! Unter Kompatibilität verstehen wir, daß z.B. die Bildergebnisse einer Nikon oder Canon in der Farbgebung nicht unbedingt zu denen der X100 passen.
    Gruß Gert

  8. Pingback: Anonymous
  9. 07/01/2012 at 11:31 am

    Es wird allgemein nicht in Frage gestellt, dass die X 10 unter normalen Bedingungen gute Fotos macht. Aber was ist mit den, in vielen Foren diskutiertenweißen Scheiben. Ich hatte bei einem Fotohändler die Gelegenheit die Kamera bei wenigen Fotos zu testen. Als ich das beleuchtete Schaufenset des Händlers fotografierte waren sie da, diese weißen Scheiben. Für mich ist sie daher nicht alltagstauglich.
    Ich benötige in Ergänzung zu meiner DSLR eine Kompaktkamer, die ich in allen Bereichen uneingeschränkt einsetzen kann.

    Mit freundlichem Gruß

    Harry

  10. Peter
    05/02/2012 at 12:13 am

    Äh, es ist aber schon klar, dass das Foto mit dem Aufkleber, auf dem stand, dass die Kamera nicht bei Nacht und bei Sonnenschein benutzt werden soll, ein Fake eines Users gewesen ist, um eine humoristische Komponente einfließen zu lassen? Wie kann man ernsthaft annehmen, das Fuji sowas auf seine Kamerakartons klebt? WDS hin oder her, aber nachdenken sollte man vor dem Schreiben schon ein wenig. 😉

    • 05/02/2012 at 6:51 am

      Hallo, danke für den Hinweis, aber es steht auch nirgendwo, dass Fuji den Aufkleber dort draufgeklebt hat…

  11. Volker Blum
    07/02/2012 at 7:30 pm
  12. Volker Blum
    07/02/2012 at 8:49 pm
  13. Heiner
    25/07/2012 at 11:56 am

    Mich überzeugt das Bedienkonzept der x 10 (z.B. der manuelle Zoom und die vielen manuellen Einstellmöglichkeiten) und ich bin begeistert von dem lichtstarken Objektiv. Das Weisse-Scheiben-Syndrom kann ich bei meiner Kamera (Kauf 7/2012) nicht feststellen. Allerdings habe ich einen für mich gravierenden Schwachpunkt ausgemacht: die Kamera wird nicht von DXO optics unterstützt. Das X10-Modul war mal angekündigt, ist aber wieder von der Liste verschwunden, was nichts gutes verheißt. Hat jemand Informationen zum Thema DXO-Unterstützung?

    Beste Grüße, Heiner

  14. Wolf Rainer Schmalfuss
    07/10/2012 at 9:29 am

    Ich kann den o.g. Bericht nur bestätigen und bin von der X10 voll begeistert!

  15. Hans
    03/11/2012 at 4:53 pm

    Danke für den tollen Bericht. Ich war begeisterter Minolta CLE-Fotograf und trauere der Kamera immer noch hinterher. Demnächst werde ich mir die Fuji X 10 kaufen, aber erst muß ich meine Sony NEX-5 absetzen.
    Grüße von Hans

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