Dokumentarfotografie und Sozialkritik – es kommt auf den Rahmen an

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Unangenehme Wahrheiten

Wer die Tafeln unterstützt, der unterstützt das Unrechtssystem von Hartz 4.

Die Stabilisierung führt paradoxerweise dazu, daß sich nichts ändert.

Wenn es nicht nur anders sondern besser werden soll, dann muß man anders vorgehen.

Wir müssen lernen neu zu sehen und zu denken, wenn wir was verändern wollen.

Wir müssen aber nicht das Rad neu erfinden, aber Voraussetzung für mögliche verbessernde Veränderungen ist die Analyse und die Anerkennung der Realität.

 

Neue Zeiten neu gestalten aber das Rad ist schon erfunden

Heute bestimmen Bilder unsere Wirklichkeit, übrigens auch fehlende Bilder, wie man am Beispiel der Tafeln sehr schön „sehen“ kann.

Bilder von den Tafeln und ihrem täglichen Geschäft gibt es so gut wie gar nicht und schon gar nicht immer wieder in den Massenmedien.

„Je näher Armut dem westlich-weiß dominierten Kulturkreis rückt, desto unsichtbarer wird sie.“

So die klugen Worte aus einer Untersuchung.

Warum wohl?

Weil Bilder (und fehlende Bilder) auch dazu dienen, die herrschenden Verhältnisse zu stützen:

„Social change is replaced by a change of images.“

So hat es Susan Sontag auf den Punkt gebracht.

Eine andere Frau hat es so beschrieben:

„Die eindeutige Gleichsetzung der sozialdokumentarischen Fotografie mit Progressivität und Reform erweist sich vor diesem Hintergrund als problematisch: So kann sich durch die dokumentarische Fotografie auch eine doppelte Unterjochung ergeben, indem einerseits die innerhalb der Gesellschaft existierende Ausgrenzung und Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen oder ethnischer Minderheiten dargestellt wird, andererseits aber das Bild durch die Art des Zugangs und der Darstellung die Bedingungen mitkonstruiert, die es repräsentiert.“

Dies stammt aus dem Aufsatz „Fotografie als Medium der Kritik. Probleme und Möglichkeiten der sozialdokumentarischen Fotografie.“

Die Autorin ist Barbara Becker, die leider viel zu früh verstorben ist.

Wer sich für den gesamten Aufsatz interessiert, dem sei dieser Link empfohlen.

Man kann auch das Buch kaufen, wenn man mehr will.

Sie hat uns gute Gedanken hinterlassen, die leider so gut wie nirgendwo mehr auftauchen. Daher möchte ich einige ihrer klaren Gedanken noch einmal präsentieren und dies mit meinen Beobachtungen koppeln.

„Die großen traurigen Kinderaugen eines hungernden Kindes aus Afrika, die uns in U-Bahn-Schächten und auf Bahnhöfen alltäglich anschauen, mögen so zwar eine empathische Reaktion auslösen, die im günstigen Fall zu einer Spende an entsprechende Organisationen führt, doch bleibt jenseits aller positiven Effekte solcher Hilfsaktionen auch diese emotionale Reaktion eingebettet in eine problematische Opfer-Helfer-Beziehung, die letztlich fixiert, was Ursache solchen Leidens ist.“

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Engagierte Fotografie war früher politische Fotografie, weil sie die bestehenden Verhältnisse hinterfragte.

Es war die Hoffnung dabei, daß die Politik oder gesellschaftliche Gruppen dann Ungerechtigkeit und schlechte Verhältnisse beseitigen. Das ist heute nur noch sehr gering der Fall. Und gerade sind wir in einer medial absolut dominierten Epoche angekommen, wo NGOs und Fotografie nicht immer zur Überwindung beitragen sondern sehr oft zur Stabilisierung schlechter Verhältnisse.

Das wiederum bedeutet nicht, daß Menschen in Not nicht geholfen werden soll (wie bei den Tafeln). Aber danach kommt nichts mehr. Es geht um die Abschaffung der Tafeln durch ein real abgesichertes Existenzminimum und nicht darum, den Restfraß der Industriegesellschaft den Menschen zum Fraß vorzuwerfen. Die Überwindung dieser Situationen wird nicht mehr als Kernaufgabe angesehen und schon gar nicht dominierend verfolgt.

Armutsfotografie, Opferfotografie, Hungerfotografie sind daher sehr kritisch zu sehen oder in den Worten von Barbara Becker: „Der arme, sozial schwache Fotografierte als passives Objekt – der Fotografierende als Deuter, Interpret, als aktives Subjekt. Viele der politisch-ethisch motivierten Fotografen präsentieren die leidenden Personen in einer Weise, die ihren Opfer- und Objektstatus fortschreibt. Individualität und Eigenständigkeit in Blick und Geste werden eher vermieden zugunsten einer Ebene der Abstraktion, die es erlaubt, die je Dargestellten als Prototyp für Bevölkerungsgruppen oder soziale Milieus präsentieren zu können.“

Das ist ein echt guter kritischer Blick, der prägnant in Worte gefaßt wurde.

Frau Becker geht aber noch weiter und fragt sich, ob sozialdokumentarische Fotografie noch als Medium der Kritik dienen kann, die engagiert und aktiv Verhältnisse überwinden und verbessern will? Das tut sie sehr wissenschaftlich und auf ihre Art. Obwohl es auch andere Auffassungen gibt, halte ich ihre Gedanken für sehr substanziell.

„So hat sich im Laufe der (Fotografie)-Geschichte die Ansicht immer weiter durchgesetzt, der zufolge die Kamera ikonische Zeichen und bildliche Repräsentationen erzeugt, indem sie Wirkliches in Bildliches überträgt. Fotografie lässt sich somit als Medium der Sichtbarmachung deuten. Entscheidend für eine Annäherung an die sozialdokumentarische Fotografie ist also weniger der Versuch einer ontologischen Begriffsbestimmung des Dokumentarischen als vielmehr ein Verweis auf die mit ihr jeweils assoziierten sozialen Praktiken. Diese reichen von der Nutzung der Fotografie als investigatorisches Medium (wissenschaftliche Fotografie) bis zu einer sich als aufklärerisch begreifenden sozialdokumentarischen Fotografie. Dokumentarfotografie erweist sich dementsprechend als ein Diskurs mit eigenen Signifikationscodes, die nicht nur die Intention der Fotografierenden umschreiben sowie die Kontexte, in denen sie operieren, sondern ebenso die Rezeption und Gebrauchsweise der Fotos bestimmen. Entsprechend basiert die Dokumentarfotografie auf spezifischen Haltungen und Überzeugungen, die bestimmte Diskurse stabilisiert …

Das Potential einer Fotografie liegt demnach nicht in einer wirklichkeitsgetreuen oder wahrhaftigen Realitätsabbildung, vielmehr besteht ihre besondere Bedeutung und Funktion gerade in ihrer Selektionsfunktion, d.h. im Herausheben eines bestimmten Aspektes bzw. in der Betonung von spezifischen Details eines Wirklichkeitsausschnittes. Erneut deutlich wird, dass man das Verhältnis von Fotografie und Wirklichkeit nicht mit den Kategorien wahr und falsch fassen kann: Fotografien liefern Betrachtungsweisen der Wirklichkeit und niemals diese selbst (Matz).“… Es obliegt den Intentionen der dokumentarisch arbeitenden Fotografen, welche Wirklichkeitssicht sie der Öffentlchkeit präsentieren wollen und auf welche Weise sie mit der Kontingenz der gewählten Blickwinkel arbeiten.“

Die Selektionsfunktion ist also entscheidend. Man könnte auch fotografisch sagen, es kommt auf die Wahl des Bildausschnitts an, den Rahmen eines Fotos, der durch Selektion betont und fokussiert. Hier treffen sich Wissenschaft und Fotopraxis. Hier ist die Stelle, wo gute Fotos im Kopf entstehen.

Der Aufsatz enthält sehr gute Ansätze, um das eigene fotografische Tun zu hinterfragen und neu einzuordnen.

Die Fotografien, die sie meint, ermöglichen andere Betrachtungsweisen „jenseits der jeweils vorherrschenden kulturellen Wahrnehmungs- und Deutungskonventionen… Zudem eröffnen sie einen Raum von Zweideutigkeit und Zwielichtigkeit, der verstört und Unruhe verbreitet.“

Sie spricht von „Fotografie, die jenseits der Repräsentationslogik angesiedelt ist und die sich durch Vernetzung verschiedener Medien (Schrift und Bild, Klang und Bild, Fotografie und Malerei) eindeutigen Botschaften verweigert und plakative Zuschreibungen im Sinne der vorherrschenden Bedeutungssysteme ironisch oder irritierend kommentiert.“

Dahin kommt man nur mit dem Kopf.

Wenn es um Engagement geht und Fotografie, die sich einmischt, dann reicht es also nicht einfach zu fotografieren, sondern man muß sich Gedanken machen, was man mit der Fotografie in sozialen Zusammenhängen machen will – und wie es umgesetzt werden soll.

Mein Fazit

Damit wären wir wieder bei der Fotografie als Waffe und der politischen Fotografie.

Denn wer engagierte Fotografie fordert und „Potentiale von Kritik entfalten“ will, der landet unweigerlich bei der politischen Fotografie, auch als Fotokunst, und dem Anti-Fotojournalismus sowie dem, was als radical art bezeichnet wird.

So hat Frau Becker uns gute Gedanken hinterlassen, die sehr aktuell sind und uns helfen können beim Fotografieren mit Engagement den richtigen Zugang zu entwickeln bevor die Zerstörung der Welt mit schönen Fotos noch mehr um sich greift, denn digitale Zeiten brauchen auf dieser Ebene auch digitale Antworten.

Dem kann man fotografisch etwas mit Wirkung entgegensetzen und gute neue Bilder für die sozialen Auseinandersetzungen produzieren, die verbessernd wirken im kommunikativen Dialog der Medien.

Sich dieses Wissen zu erarbeiten und dann in solchen Artikeln zu publizieren ist übrigens für mich die Kompetenz, die Voraussetzung ist, um eigene Projekte zu machen und andere kompetent in diesem Arbeitsfeld zu beraten.

Denn es geht nicht nur um eine Medienkampagne sondern darum, daß Organisationen und Personen interessengeleitet in dem hier aufgezeigten Sinne Projekte umsetzen, die diesen realen Ansprüchen gerecht werden – digital, fotografisch und darüber hinaus.

Da gibt es viel zu tun.

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